Die gefährdete Moderne

Die andere Person, 31. Oktober 2009

Die gefährdete  Moderne – Gebäude urbaner Neuordnung

Zahlreiche Gebäude der Nachkriegsmoderne haben in den letzten Jahrzehnten massive Prozesse der Entwertung und der Zerrüttung durchlaufen – Verunstaltung und Abriss von denkmalgeschützten Bauten sind längst zur Normalität geworden. Der Mangel an Anerkennung dieser architektonischen Besonderheiten, sowie der defizitäre Umgang mit ihnen, symbolisiert die praktische Verwertungslogik einer durchweg vermarktungsgesteuerten Gesellschaft. Gebäude und Gebiete, die von Prozessen des Ausgegrenztseins beherrscht werden, stehen exemplarisch für eine generelle Entwertungslogik, die Menschen in der schon längst erodierten Arbeitsgesellschaft handlungsunfähig macht, sozial isoliert und nachhaltig stigmatisiert. Allerdings liegen die Ursachen der Ausgrenzung so gut wie nie am Ort ihrer Erscheinung.

Aktuell entziehen die traditionsorientierten und historisierenden Gesellschaftsdiskurse den Gebäuden urbaner Neuordnung einen Großteil ihrer Ausdruckskraft und ästhetischen Einmaligkeit. Den ursprünglichen Intentionen und Konzeptionen dieser Baukörper, wie auch deren erhebliche Bedeutung für die stadt- und raumplanerische Gestaltung, wird damit im öffentlichen Bewusstsein fast vollständig der Boden entzogen. Licht, Luft und Sonne – die Merkmale der Moderne in der Stadtentwicklung – weichen vielerorts identitäts- und heimatlosen Investorenprojekten in dichter Blockrandbebauung. Die Planungsmodelle für eine Stadt der Zukunft orientieren sich wieder vornehmlich an der Jahrhunderte lang praktizierten Stadtplanung und Bautradition, die sich insbesondere in der Steinernen Stadt des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt.

Die bauliche Verdichtung städtischen Raums, sowohl zur Rekonstruktion der traditionellen Stadtstruktur als auch zur Wiederherstellung historischer Fassaden und ganzer Gebäudekomplexe, blendet zunehmend die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Neuordnung urbanen Raums aus. Die Praxis, Gebäude der Nachkriegsmoderne abzureißen, Brachen und öffentliche Freiflächen zu entfernen, geht mit dem Versuch einher, sich der durch die NS-Herrschaft entstandenen Verantwortungen und der Folgen für die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften zu entledigen. Sich aufklärerischer Architektur zu verschließen oder sie gar zu entfernen und sich im Gegenzug romantisierenden Bauten hinzuwenden, oder diese wieder zu errichten, gibt ausführlich Auskunft über die geistige Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft.

Die photographische Umsetzung sozialer Randständigkeit anhand architektonischer Gebilde, die vornehmlich mit Prozessen der Isolation, Stigmatisierung und Abwertung belegt sind, ermöglichen es, einfache und gewöhnliche Bauten in Raum- und Zeitschiffe zu verwandeln, surreale Landschaften und fiktive Übergangsräume zu gestalten. Trotz massiver Zerrüttung können diese Gebäude Visionen und Intentionen ihrer einstigen Daseinsberechtigung widerspiegeln. Dieser Umstand, der von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist, macht sie zu herausragenden Orten, denn an ihnen können die Widersprüchlichkeiten im sozialen Raum gesehen und praktisch erlebt werden. Sie stellen Zwischenräume dar, in denen die uns vertrauten Zeitgrenzen verwischt und verschiedene Zeiträume übereinander gelegt werden. Die Photographien veranschaulichen damit, dass Ausgrenzung und Stigmatisierung sich nicht nur an den Rändern der Gesellschaft oder an den Rändern der Stadt ereignen, sondern die Möglichkeit hierfür immer und überall mitten unter uns besteht und uneingeschränkt praktiziert wird, auch in diesem Moment. Der Normalfall ist, dass das Besondere – das Außerordentliche an sich – gequält, misshandelt, deformiert und schließlich gesellschaftlich legitimiert zur Hinrichtung geführt wird.

Die andere Person

Fotoausstellung in der NewYorck im Bethanien bis zum 27.11. (Finissage).
www.transformationsfelder.de

Wegbeschreibung

Eine Reaktion zu “Die gefährdete Moderne”

  1. e-kasse

    Der Text trifft es echt genau!

    Ich habe in der Nachkriegsmoderne meinen ganz persönlichen Fetisch und mir ist es vor allen Dingen ein Anliegen, dass die gesellschaftspolitischen Inhalte dieser Epoche nicht in Vergessenheit geraten und auf dem Altar postmoderner Pseudo-Indivualisierung geopfert werden. Das wäre echt ein Rückschritt in die Kaiserzeit…

    Insofern ist es für mich schon sehr erschreckend, was hier in Berlin passiert.

    Wenigstens der Bierpinsel darf rot bleiben. http://rettet-den-bierpinsel.de

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