Berlin: Trümmer und Zerrissenheit

Die andere Person, 30. Juni 2009

Der Vollzug emanzipatorischer Handlung

Durch Berlin zu fahren, bedeutet, sich auf Konfrontationskurs zu begeben. Trümmer, Reste, Zerrissenheit, Lücken, Leerstand und Verfall erzeugen alles Andere als ein glattes, softes, einheitliches Stadtbild und Lebensgefühl. In jedem Reiseführer über Berlin lässt sich ein kurzer historischer Abriss finden, der die permanent besondere Situation dieses Ortes verdeutlicht: Spät und schnell gewachsen, auf sandigem Untergrund gebaut, immerwährend am Entstehen, nationalsozialistischer Größenwahn, von amerikanischen und englischen Fliegern zerbombt, die Teilung der Stadt, die eine Hälfte eingemauert und zum Paradies für staatliche Förderung des Westens kultiviert, die andere Hälfte zum sozialistischen Großprojekt gereift, der Mauerfall und die formelle Einheit, Berlin als Investitionslandschaft, Bankenskandal und Schuldenlast führen schließlich zu folgendem Ergebnis: Berlin, ein Ballungsraum – mitten im punktuell schrumpfenden Ostdeutschland – mit einem gigantischen Erwerbsarbeitsdefizit.

Keine andere europäische Stadt ist derart mit Wandlungen innerhalb eines so kurzen historischen Zeitraums konfrontiert und bestückt worden. Berlin ist alles, nur nicht herkömmlich. Gerade weil dieser Stadtraum eine solch historische, gesellschaftliche und bauliche Zerrüttung aufweist, finden sich Menschen in Berlin ein, die an anderen Orten als defekt, abartig und verrufen gelten und sich dort auch durchaus als solche wahrnehmen müssen. Denn der soziale Raum bzw. die jeweilige Umwelt ist Grundlage für das Erleben und Definieren der eigenen Persönlichkeit. In Berlin gibt es gesellschaftliche Nischen, in denen man nicht verharren muss, sondern aus denen heraus man agieren kann. Es ist gar nicht notwendig, sich in traditionellen (politischen) Gruppen zu formieren, es ist relativ einfach, selbst Ideen und Netzwerke entstehen zu lassen, die in der Öffentlichkeit an sozialen Schnittstellen arbeiten und ein zusätzliches Meinungsfeld schaffen – was angesichts von Medienmonopolisierung zwingend notwendig ist.

Es ist nicht nur von Bedeutung, festzuhalten, was alles an einem Ort anwesend ist, sondern auch zu schauen, was alles abwesend ist: Ganz vorn findet sich die Abwesenheit von Wachstum, was sich im Fehlen sowie in der Art und Weise der vorhandenen Erwerbsarbeit – prekäre Beschäftigung und staatlich subventionierte Beschäftigung – ausdrückt. Mangel an Wachstum lässt sich auch in der Berliner Baulandschaft erkennen, denn diese ist durch Lückenhaftigkeit und fehlende wie auch fehlgeschlagene (Groß-) Projekte gezeichnet. Berlins städtebauliche Strukturführer sind definitiv trümmer- und lückenfeindlich, denn durch Anlocken finanzkräftiger Investoren versuchen sie, die Stadt mit Großprojekten aufzumotzen, um sie in neuer bzw. traditioneller Potenz zu erleben. Dafür werden an zahlreichen Orten dieser Stadt Menschen verdrängt und Gebäude der Nachkriegsmoderne abgerissen. Licht, Luft und Sonne – die Merkmale der Moderne in der Stadtentwicklung – weichen vielerorts identitäts- und heimatlosen Investorenprojekten in dichter Blockbebauung. Die Planungsmodelle für eine Stadt der Zukunft orientieren sich wieder vornehmlich an der Jahrhunderte lang praktizierten Stadtplanung und Bautradition (Steinerne Stadt).

Die massive Verdichtung urbanen Raums zur Rekonstruktion der alten Stadtstruktur geht zu Lasten öffentlicher Freiflächen und mit dem Abriss denkmalgeschützter Nachkriegsarchitektur einher. Die Wiederherstellung historischer Fassaden, ganzer Gebäude sowie die Rekonstruktion der Stadt- und Raumplanung (Straßenraster und Blockbebauung) blendet zunehmend die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Neuordnung urbanen Raums aus. Die Riegelbauten der Moderne sind weder an maximaler Stadtraumausnutzung noch an der reinen Profitlogik orientiert, der heute wieder gefröhnt wird. Fragwürdig ist das auch angesichts des hohen Gewerbe- und Büroflächenleerstands.

Die Praxis, Gebäude der Nachkriegsmoderne zu verunstalten oder abzureißen, Brachen und Freiflächen zu entfernen, geht mit dem Versuch einher, sich der Verantwortung der nationalsozialistischen Herrschaft sowie der daraus resultierenden Folgen für die beiden deutschen Gesellschaften zu entledigen. Sich aufklärerischer Architektur zu verschließen oder sie gar zu entfernen und sich im Gegenzug romantisierenden und verklärenden Bauten hinzuwenden und diese wieder zu errichten, spricht in einer Gesellschaft, deren Zukunft und Planbarkeit längst abhanden gekommen ist, für sich.

Viele Menschen kommen nach Berlin, weil sie einen Stadtraum vorfinden, der Bruchstellen aufweist. Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit vorzufinden, das ist näher am Leben der Menschen als die Kontinuität und Einheit, die sie andernorts erleben müssen. Gerade dann, wenn der soziale Raum nicht geglättet ist, ergibt sich für sie die Möglichkeit, aus überkommenen Mustern – Erwerbsarbeitsfetischismus und Geschlechterkonformität – auszubrechen. Emanzipatorische Handlung – Fesseln abstreifen – wächst an Orten sichtbarer Widersprüche, an denen Bürgerlichkeit und eine gesellschaftlich planbare Zukunft abwesend sind.

Wir sind Statuspassagiere ohne geregelte Zukunft – was könnte es an einem Ort emanzipatorischer Handlung Besseres geben!

Die andere Person

Palast-Abriss

www.transformationsfelder.de

2 Reaktionen zu “Berlin: Trümmer und Zerrissenheit”

  1. Robert

    Danke für diesen Artikel – Weil ich grade auf dem AUGUSTSTRASSEN-BLOG im jüngste Beitrag die „städtebauliche Doktrin der Verdichtung“ kritisiere hat das eine seltsame Diskussion ausgelöst …
    siehe: http://auguststrasse-berlin-mitte.de/auguststr48#comments

  2. Roulettespiel

    Krass! Hätte ich garnicht gedacht…

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