Umkämpftes Berlin

Osthexe, 4. Januar 2009

Berlin bleibt auch 2009 umkämpft. Berlin hat eine Tradition von „Umkämpftsein“ – die Alliierten taten es, dann ihre Nachfolger. Die einen hatten zu essen, die anderen ihre Vision von einer anderen Gesellschaft. Man baute Mauern und Berlin hatte auf einmal von Allem zwei, z. B. zwei Universitäten – mindestens.

Einer versuchte den anderen zu schlagen. Die einen sprengten das Schloss als Symbol einer verabscheuungswürdigen, zum Untergang verurteilten Gesellschaft, die anderen gründeten die Freie Universität – auch sie hatten eine Idee. 1958 bescheinigte Erich Kuby der Freien Universität ein Höchstmaß an Unfreiheit, weil sie ihre Freiheit nur im Gegensatz zur Humboldt-Universität begreife. Er bekam als persona non grata Redeverbot.

Dann richtete man sich ein, in Westberlin, dem Schaufenster des Westens, dem Paradies ohne Wehrpflicht, der Insel. In Ostberlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, in der es öfter mal Bananen gab – und den Prenzlauer Berg mit seinen leerstehenden Wohnungen. Brech sie auf, frage die Nachbarin nach dem Mietkonto und wie hoch die Miete sei – deine Eltern hätten den Zettel mitgenommen – zahle einige Monate die Miete, dann frage die KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung), ob du einen neuen Wasserhahn haben kannst – deiner tropfe nun schon ein Jahr lang und du hättest es auch schon mal gesagt – und bubs, bist du Mieter.

In Kreuzberg besetzte man ganze Häuser, verhinderte den Abriss für eine Autobahn und lebte wild und gefährlich.

Das konnte nicht ewig so weitergehen, einer musste gewinnen, natürlich der, bei dem es mehr zu kaufen gab. Die Mauer fiel, alle waren besoffen vor Glück und der Osten wurde neu sortiert. „Restitution vor Entschädigung“, so lautete das Zauberwort. Wir stehen für EIGENTUM. Es waren dann aber doch nicht die Alteigentümer, die ihre Häuser zurückbekamen, sondern die großen Immobilienentwickler, die alte Eigentumsansprüche abkauften und als Steuersparmodell in Fonds verkauften. Alles und jeder wurde durchkapitalisiert, aussortiert, die Mitte Berlins übernommen, der Palast der Republik – das Volksschloss des Ostens – abgerissen. Ihr seid zwar das Volk, aber ihr habt in der Mitte nichts mehr zu suchen!

Goldgräberstimmung machte sich breit, erst die Sanierung der maroden Altbauten im Ostzentrum, dann die Stadterweiterung mit diesen wunderbaren Einfamilienhausidyllen, danach die innerstädtische Verdichtung über das Planwerk Innenstadt und zum Schluss kam noch Kreuzberg dran. Hier vermochten das Kapital und seine Institutionen – getarnt als Recht auf Eigentum – jedoch nicht Jeden herauszuspülen aus der Innenstadt, hier wurde neu besetzt. In der Parteienlandschaft wehte noch der kühle Wind des Kalten Krieges und so verweigerte man der linken Kreuzbergregierung die polizeiliche Unterstützung der Räumung.

Und nun wurde die ganze Klaviatur der Partizipation gezogen: Bürgerbegehren, Runder Tisch – Entscheidungen der Kommunalvertreter bekamen ein öffentliches Interesse. Und da es so schön war, gleich noch – bevor man zu den Sternen greift – nach dem nächsten Ort, dem Spreeraum, gegriffen: Ehemalige Zonengrenze und noch unbebaut, aber schon verplant.

„Mediaspree versenken“ war der Schlachtruf. Und noch bevor man sich darüber klar war, was an Stelle der Planung stehen könnte, zerlegte man sich schon in der Protestszene, spaltete sich ab – den einen war es nicht radikal genug, den anderen zu utopisch. Dessen ungeachtet ergriff das Volk die Chance der Selbstinthronisierung und hebte den Bürgerentscheid in ein gesamtstädtisches Ärgernis. Hier, wo der Osten vom Westen getrennt war, die Spree nun alles verbindet, sollten viele Quadratmeter umbauten Raumes richtig viel Knete abwerfen – und nun?

Neulich war ich auf einer Veranstaltung. Der 50-Meter-Uferstreifen, der nach Volkes Wille frei bleiben soll, wird im Sonderausschuss der Volksvertreter verhandelt. Die 50 Meter – eine Projektion für die Frage „Was muss anders werden“? An der Spitze der Initiative, alleingelassen von seinen Kritikern, ein Architekt – der denkt räumlich und hat Baugruppen eingeladen. Diese geben den Bewohnern ihr Leben „in die eigene Regie“. Jemand aus dem Publikum kannte so jemand aus einer Baugruppe und hatte ihn mal gefragt, was denn sein Traum sei. „Ein Eigenheim, möglichst preiswert und mit Anderen zusammen gebaut“. Das konnte er sich erfüllen, kollektiv war allerdings nur die Frage der gemeinsamen Kanalisation.

Dem Publikum konnte das nicht imponieren, sie sahen den Warenwert der Grundstücke, die Ausschlussmechanismen. Keine Lust auf wohltemperierte Partizipation. Einer outete sich als Betroffener – was tun? Ratlosigkeit stellte sich ein…

Kann man der Wut eine Form geben, in der sie sich vernetzt mit Anderen? HILFE, PROTEST UND WIDERSTAND, aber sind wir schon reif, die Alternativen auch zu leben?

Neulich sah ich einen Schauspieler, der den Osten verließ und rüber in den Westen machte. Bevor er in den Westen ging, hatte er ein Gespräch mit einem Politiker. Er fand ihn nicht unsympathisch: „Im Laufe der Zeit habe ich den Menschen erkannt“. Der Politiker kam übrigens später bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Vielleicht war seine Vision nicht politikkompatibel.

Und so sitze ich hier und weiß nicht mehr, wofür ich sein soll: Einen Vertrag (für das Bethanien) unterschreiben oder selbstorganisierten Häuserkampf? In den Ausschüssen miteinander reden und voneinander lernen, oder Wut rauslassen, Zeichen setzen? Na ja, nächstes Jahr ist auch noch ein Jahr und so wünsche ich mir, „wild und selbstbestimmt“ zu leben wie der Westen in Kreuzberg und „keinen zurückzulassen“, wie der Osten es versuchte.

Mascha von der Clownsarmee

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