Comtess flieht die Spree hinunter

Ostprinzessin, 3. Juli 2008

„Haut ab!“: Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. erleiden Schiffbruch

Was im Kinospot zur Kampagne Mediaspree Versenken bereits niedlich, süß und kulturell bewegend auf die Leinwand gezaubert wurde, fand gestern seine reale Entsprechung an den Spreeufern von Friedrichshain, Mitte und Kreuzberg: Mehrere hundert Menschen tanzten den auf Kreuzfahrt befindlichen Investoren-Vernetzerinnen auf der Nase herum und versperrten die Spree mit Klein- und Kleinstbooten, auf Luftmatratzen und aufblasbaren Krokodilen.

Die Entschlossenheit zu Wasser und zu Lande kannte kaum Grenzen, obgleich den auf den Spreebrücken Protestierenden die Polizei-Eingreiftruppen direkt im Nacken saßen. Von den Ufern wurden vereinzelt Wasserbomben auf die Spree-Comtess geworfen, obwohl auch dort Polizei patroullierte. Die Passagiere hatten sich ohnehin größtenteils unter Deck geflüchtet. Dort wurden sie von Christian Meyer, dilettantischer aber zäher Manager des Mediaspree e. V., in gewohnt vernebelnder Art und Weise (teil-) aufgeklärt. Der enorme Unmut, der den Vereinen und ihren Gästen hier bei ihrer herrschaftlichen Lügen-Butterfahrt entgegenschlug, erforderte sicherlich wieder eine neue Höchstleistung in puncto Erklärungsakrobatik.

Die Stimmung an Land war aggressiv, denn im vorliegenden Fall geht es um nicht weniger als die letzten innerstädtischen Bereiche, die von alternativer Kultur und kritisch denkender Bevölkerung gesäubert werden sollen, oder – nach dem Willen des Mediaspree e. V. – gerade noch als Staffage für den beliebten Eindruck des Szenigen herhalten sollen, als weicher Wirtschaftsstandortfaktor sozusagen. Ein am Osthafen neu entstehendes Großhotel z. B. wirbt mit eben diesem spannenden Umfeld, wie Peter Sauter, NDC-Projektentwickler, der Abendschau gegenüber äußerte. Die Schiffstour, die vom Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. organisiert wurde, in dessen Gremien sich erschreckend viele Personen befinden, die dem Berliner Filz zugeordnet werden müssen und die zum Teil Mitverantwortung im Berliner Bankenskandal tragen, hatte in Charlottenburg gewohnt mondän und unauffällig begonnen. Die Abfahrtszeit hatte man nach eigenen Angaben geheim gehalten. Offenbar hatte man gehofft, dass die Demonstrierenden, so überhaupt noch welche am Zielort in Friedrichshain und Kreuzberg sein würden, den Weg freigeben bzw. die Polizei eine Schneise schlagen würde. Zwar trat die Polizei nebst ihrer Zivilbullen denn auch tatsächlich gewohnt gewalttätig auf und hatte auch allerlei persönliche Drohungen parat, aber letztlich entschied man sich aufgrund des massiven Widerstandes dann doch dafür, der Comtess eine Umkehr zu empfehlen. Dem Regional-TV-Sender 7live gegenüber äußerte die Ostprinzessin:

„Auch mir wurde von einem Polizisten Gewalt angedroht, weil ich auf fünf Meter Entfernung angeblich das Abfilmen der Demonstrierenden durch das Schwenken eines Stückes Seidenstoff behindert habe. Ich akzeptiere solche Paparazzi-Aufnahmen nicht. (…) Was die Comtess angeht, so kam ihre Umkehr einer Flucht gleich. Das hat mich besonders gefreut, denn ich konnte die Comtess noch nie leiden.“

Am Schwarzen Kanal wurde zur Jubelbegrüßung der Möchtegern-Investoren ein Feuerwerk gezündet, in den Strandbars links und rechts der Spree ging es heiter und kraftvoll zu. Die Polizei, die immer wieder bemüht war, eine Absperrleine der im Wasser Protestierenden zu kappen, wurde von dort regelmäßig mit Pfeifkonzerten belohnt. Viele waren gekommen, mit Kind und Kegel. Während die Stimmung im unkommerziellen Projekt Yaam hervorragend war und blieb, kam es beim gegenüberligegenden Kiki Blofeld zu Verwerfungen: Zunächst verlangte man von allen Leuten Eintritt, dann wollte man ihnen die Getränke abnehmen. Letztlich erhielten Mitglieder und Sympathisanten der Initiative Mediaspree Versenken sogar „Hausverbot“. Der Geschäftsführer stellte sich als ein herbe Drohungen produzierender Zeitgenosse heraus – von Solidarität keine Spur: „Scheißegal“ sei ihm die Initiative.

Nun denn, dies brachte der heiteren Dynamik keinen Abbruch, zumal derzeit noch die benachbarten Grundstücke brach liegen und keiner kommerziellen Nutzung zugeführt sind. Dies aber wird sich nach dem Willen der Politik ändern und die Menschen werden auf einem bewachten und absperrbaren Uferweg prominieren dürfen, aber ansonsten aller Räume und Optionen auf Jahrzehnte hin beraubt sein. Allen vernünftigen Argumenten gegenüber scheint der Bezirk sich zu verschließen, wobei man gerade von GRÜNEN und LINKEN mehr Vernunft und Weitsicht erwartet hätte. Doch offenbar weiß man gar nicht oder will gar nicht wahrhaben, in welchem Bezirk man da so herrlich von oben herab regiert: Kreuzberg und Friedrichshain sind nicht Reinickendorf und Lichtenrade, hier hat sich eine Vielfalt alternativer Menschen, Strömungen und Projekte einen Platz gesucht, der in Europa nur wenige Vergleiche kennt. Mit ebendiesen Kräften und den weiteren Anwohnern zusammen sollte man in Kooperation gehen, die Entwicklung organisieren – im Grunde können und wollen sie die Entwicklung selbst organisieren. Soviel Autonomie sollte man Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft mindestens einräumen, zumal dann, wenn sie eine breite Unterstützung (über 16.000 Menschen) erfährt. Aber alternative Vorstellungen werden schlichtweg absorbiert, wo Profitinteressen der Immobilienwirtschaft ins Spiel kommen und sich die sinnleere Kommerzkultur (Beispiel O2 World) weiter ausbreitet.

„Wir verfolgen sie bis nach Hause!“

Zwei Abriss Activists nahmen dann noch die Verfolgung der Spree-Comtess auf – mit dem Fahrrad und einer deutlich sichtbaren Message in Form einer Fahne mit der Aufschrift „Mediaspree versenken“. Von vielen Brücken zwischen Friedrichshain und Charlottenburg grüßten sie die zum Teil freudig winkenden, zum Teil sichtlich verstörten, in jedem Fall aber aufgrund der permanenten Begleitung (an-) gespannten Passagiere. An den Zwischenstationen stiegen Journalistinnen und andere Passagiere aus. Es wurde erzählt, dass die Leute auf dem Schiff erschreckend uninformiert waren – und wohl auch blieben, denn was während der Begleitung vom Schiff her über die Lautsprechanlage zu hören war, klang sehr nach Desinformation. Auf Höhe von Mitte und Moabit wurde immer wieder mit Abneigung über moderne Architektur der 70er Jahre gesprochen. Man wünscht sich offenbar ausschließlich postmoderne Investorenarchitektur, gepaart mit Historismus à la Stadtschloss. Auch zu diesem Thema weht dem Senat durchaus ein kalter Mehrheitswind ins Gesicht, der aber ebenso professionell ignoriert wird wie der breite Widerstand in Kreuzberg und Friedrichshain.

Zum Ende hin begrüßten die Activists die Passagiere noch persönlich zurück an Land. Viele meinten, mit Floskeln wie „Sportliche Leistung“ Anerkennung zollen zu müssen. Nicht wenige hatten abstruse Vorstellungen davon, wer sie da verfolgt hatte. Auch die dumpfe Propaganda von Mediaspree e. V. und Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. hatte bereits Wirkung gezeigt: „Wissen Sie, das ist übrigens gar nicht so, wie Sie behaupten“, traute sich eine wohl situierte Dame den Activists entgegenzuhalten. All den Nonsens geradezubiegen, der ihnen seitens der Passagiere entgegenschlug, überforderte letztlich auch ihre Fähigkeiten. Die Dame übrigens lief dann 10 Sekunden nach ihrer kleinen Attacke beinahe vor ein Auto, weil sie unbedingt bei Rot flüchten gehen wollte.

„Hopfen und Malz verloren!?“

Eine Veranstalterin der Berliner Wirtschaftsgespräche e. V. sprach die Activists sichtlich getroffen und beleidigt mit den Worten an: „Sind Sie etwa auch der Zeitungsente aufgesessen, dass auf dem Schiff Investoren sein sollen?“ Was zunächst nach einer humorigen Einlage klang, entpuppte sich als purer Ernst, mit dem sie dafür sorgen wollte, dass ihre Kontrahenten mit dem unglücklichen Gefühl nach Hause gehen, die völlig Falschen begleitet zu haben. Jedoch bestätigten kurz darauf andere Passagiere, dass tatsächlich das vermutete Konglomerat an Investoren, Vernetzerinnen und deren Gästen an Bord gewesen war. Aber einige Passagiere wollten plötzlich alles sein, nur keine Investoren mehr. Offenbar wurde noch während der Fahrt eine interessante, mehrdimensionale Gehirnwäsche betrieben. Aber irgendwie muss man sein Schäfchen ja ins Trockene bringen, wenn der Widerstand sich formiert, die Leute, die „Hedonisten“ und die angeblichen, die vorgeblichen und die tatsächlichen „Autonomen“ einem derart entschlossen entgegentreten.

Wieder einmal wurde deutlich sicht- und hörbar, dass die in der Mehrheits- und Einheitskultur Erstickenden unterschiedlichen, mal mehr, mal weniger systematischen Desinformationsstrategien ausgeliefert sind und wenig bis gar nichts über die Gründe für steigende Mieten, soziale und ökologische Probleme, Vertreibung und Überwachung wissen (dürfen). Hierzu passend fragte dann zum Schluss eine Passagierin nach alternativem Informationsmaterial. Das erhielt sie sofort. Zuvor hatte sie erzählt, dass sie früher auch mal auf der anderen Seite gestanden habe. Zunächst blieb unklar, ob sie sich noch an die guten Gründe dafür erinnern konnte. „Es muss ja gebaut werden. Die Stadt muss ja wachsen.“ Diesem Wachstumsparadigma konnten jene Millionen von Quadratmetern leerstehender Büroflächen entgegengehalten werden, die sich schon heute links und rechts der Spree anhäufen. Allmählich bröckelte ihre Gewissheit. Der finale Dialog dann brachte es auf den Punkt, worum es beim Widerstand gegen Projektentwicklungen wie Mediaspree eigentlich geht:

Passagierin: „Aber da sollen doch auch Wohnungen gebaut werden!“
Ostprinzessin: „Für wen? Für mich nicht. Für Sie?“
Passagierin: „Nein, ich kann mir das bestimmt nicht leisten. Ich suche grad eine neue Wohnung, weil die alte zu teuer geworden ist.“

Genau das ist es. Und es ist an der Zeit, sich Gehör und Raum zu verschaffen.

Ostprinzessin

Lassen wir die Bilder sprechen:

Bild 1-8, 10-13, 15-30: Die andere Person; Bild 9, 14: Ostprinzessin

2 Reaktionen zu “Comtess flieht die Spree hinunter”

  1. Eine Spreefahrt, die ist lustig.. « Infoladen Daneben blogt

    […] dachten sich die potentiellen Investoren (auch einige aus Stuttgart), die dem Ruf des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche e.V. gefolgt waren, um sich die Vermarktbarkeit des Spreeufers reinzuziehen. Kritisch begleitet wurden sie von StadtbewohnerInnen, die ein gemeinschaftliches Interesse an den bisher öffentlich zugänglichen Räumen haben. Ein Bericht der Aktion bei Abriss-Berlin. […]

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    […] Wie mögen wohl die Passagiere aussehen? So. […]

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