Bon appétit

Al, 27. Juni 2008

Montag

Es ist früh. Das offene Fenster verrät mir, dass Kreuzberg aufwacht. Der Türkenbengel von oben fährt mit dem Roller los, während sein Vater Säcke von leeren Plastikflaschen zu Plus rüberbringt, um bare Münze zu sehen. Einstein wackelt im langen Mantel die schönste Straße runter, während jemand nach seiner Frau ruft…, falsch, er will Bier! Morgens ist Kreuzberg am schönsten. Der Tag wird hart. Für alle. Man bereitet sich vor, jeder auf seine Weise. Es ist gut, denn es funktioniert. Einigermaßen.

Ich steig aufs Rad, es geht los. Der Kampf beginnt, die Køpi und der Schwarze Kanal grüßen mich auf’m Weg. Ich bin unterwegs von Problemkiez Nummer 1 über die neue schicke Mitte, die ihre leeren Seifenblasen neuerdings aus Beton fertigen muss, damit ihre Utopie nicht allzu schnell bröckelt. Ich lass das Hackesche Gedöns hinter mir und fahr ‘nem stinkenden Bonzenauto hinterher, in den Problemkiez Nummer 2, den Wedding…

Ich bin früh dran, fahr ‘ne Straße weiter und leg mich nochmal in den Hain und kram aus meiner Tasche den zerdrückten Tabakbeutel raus. Da ist noch ein Rest. Ein ungerauchter Secret Agent! Ich lecke mir die Lippen, die Sonne scheint, die Lust ist groß, aber der Tag ist lang und ich drehe mir ‘ne Kippe. Wieder aufs Rad, die Arbeit wartet, das Chaos will geordnet werden…

Bei der Maloche gewöhn ich mir das Qualmen ab, ich komm einfach nicht mehr dazu. Krass! Der Arbeitstag ist wieder vorüber und der nächste Kampf wartet…

61 ist schick, X-Berg ist hip, neu im Kommen ist der geile Neuberg und das smoothe Kreuzkölln. Von der anderen Seite drückt MediaSpree rein. O2 hat seinen Leuchtturm an die Spree gestellt. Investoren, kommt und grabt das fruchtbare Land unter den Füßen der Assis und Armen um, vertreibt sie, baut Türme aus Stahl, Beton und Glas! Zeigt die Geilheit und die Macht der Medien! Macht euch die Strandbars zu eigen und zeigt, wie hip die Stadt ist! Kreischt den Hype um das kulturelle Erlebnis raus! Das ist die NKKM – Neue Kreative Kreuzberger Mischung – YEAH! Werbeagenturen verdienen Geld im Schlaf, jedenfalls hört sich’s so an, als wären die Kreativen nicht mehr so ganz wach gewesen beim Brainstorming.

Nicht mit Renate, nicht mit Serdar, nicht mit Steve, mit 16.000 Anderen nicht. Wir wehren uns. Wir versalzen den Investorenassis nicht nur die Suppe, wir scheißen auch noch rein. Bon appétit und viele Grüße aus SO36.

Al

Einen Kommentar schreiben