Und ewig grüßt das Murmeltier

Osthexe, 14. August 2006

Sehr geehrte Architekten und politischen Liebhaber des Schlossplatzes!

Wir freuen uns, heute im Staatsratsgebäude mit Ihnen über die neuen Entwürfe für die Gestaltung des Schlossplatzes diskutieren zu dürfen und danken Ihnen für Ihr Engagement und ihre Kreativität.

Wir freuen uns, in diesem Gebäude zu sein, weil es dieses gar nicht mehr geben würde, wenn nicht viele mutige Bürger, Künstler und Wissenschaftler dafür gekämpft hätten. Vielleicht weiß das der Eine oder die Andere nicht mehr, aber es gäbe dieses Bauwerk nicht mehr, wären die Abrisspläne verwirklicht worden. Aber durch die Aufklärung zur Bedeutung des Staatsratsgebäudes als Denkmal und den mutigen Einsatz Vieler gegen die Abrisspläne können wir heute hier sitzen.

Und wir freuen uns auch, dass die Eliteschule heute Gastgeber für diese Diskussion ist und sich für den Platz vor ihrem Fenster interessiert. Aber liebe Architekten und Liebhaber, geht es um den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Interessen oder um eine Entwicklung, die wir und Sie jetzt noch nicht klar aussprechen können?

1. Es geht um Transparenz 15 Jahre Debatte um den Ort und seit Beginn der Zwischennutzung des Palastes der Republik auch 3 Jahre konkrete, gelebte Debatte zu dem Potential des Ortes, haben nun endlich Bedeutung!? Die galoppierenden Kosten des Abrisses: Die Firma hatte mit unter 50 % der geplanten Abrisskosten den Auftrag eingefahren, um jetzt Nachforderungen zu stellen. Das berühmte Stahlgerüst vor dem Fenster, das immer noch verwendet werden kann, mahnt Sie, Ihre Handlungen und Zukunftsentwürfe genau zu bedenken.

2. Es geht um Architektur als Gestaltung von Kultur Sind die Entwürfe wirklich eine innovative Vorstellung von Kultur und Berlin im 21. Jahrhundert? Der Vorschlag der Bottega + Erhardt Architekten wirkt wie die deutlich unattraktivere Version des urban-catalyst-Vorschlags „20.000 qm x 5 Jahre“. Für den Vorschlag „Internationaler Transportkreislauf Kunst“ wiederum könnte man das Architekturbüro Schneider + Schuhmacher fast wegen Diebstahl geistigen Eigentums belangen, denn eine „Weltkulturbotschaft Berlin“ wurde bereits letztes Jahr von einer Gruppe Architekten im Rahmen eines alternativen Ideenaufrufs vorgestellt. Der „Chamäleon-Vorschlag“ von Gerkans spricht ganz die Sprache des neuen Berliner Hauptbahnhofs. Ein schönes Bild in Cinema 4D haben die Graft Architekten erstellt: Mit diesem Wolkenobjekt transzendierter „Vergänglichkeit menschlichen Versuchens an diesem Ort“ scheinen die Architekten allerdings höchstens sich selbst in die unbekannten Gefilde philosophisch transzendieren zu wollen.

Zu guter letzt Sauerbruch + Hutton: Wenigstens ehrlich – der White Cube. Vor allem angepasst an die Senatsvorstellungen. Ein Gebäude, das sich trotz angenehmer Begrünung wahrscheinlich auch finanziell realisieren ließe und auch den Zugang zur Spree garantiert. Ganz im Sinne der Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer. Der tatsächliche Standort müsste noch verhandelt werden, wegen der geplanten Humboldt-Box… ach herrlich!

Der Berliner Senat wird das Modell eines international renommierten Architektenduos realisieren und in der Mitte der Republik ein Zentrum moderner Kunst etablieren (ach nein, nicht etablieren, sondern zwischenzeitlich ermöglichen). Und da sage jemand noch mal, Bund und Stadt Berlin seien rückwärtsgewandt und ignorant, was die Gestaltung des Schlossplatzes betrifft…! Wie soll man erklären, was in den letzten Jahren intensiver Diskussion nicht verstanden werden wollte!? Es geht hier nicht um Gebäude. Es geht hier um Inhalte. Mit einem White Cube ist es da noch nicht getan, lieber Senat!

3. Es geht um Mitbestimmung Der Schlossplatz ist und war ein Platzhalter für den Streit um politische Mitbestimmung und um einen alternativen Begriff von Kultur und Politik. Wesentliches Potenzial der Debatte war die Kontroversität – ganz gleich welcher politischen Verortung. Diese Kontroversen sind fortzuführen! Umso wichtiger ist daher die weitere Diskussion um die gesellschaftliche Wertbestimmung dieses symbolischen Ortes.

Einer Kunsthalle liegt zunächst ein statischer Kulturbegriff zu Grunde, der eher auf Konsumtion denn auf Produktion zielt. Kulturelle Produktion ist jedoch die treibende Bewegung in Städten, die weitläufig als kulturelles und somit auch als ökonomisches Kapital für Creative Cities verstanden wird. Die Entpolitisierung des Ortes wird Berlin Langeweile bescheren. Da sind wir uns fast sicher.

In dieser Ausstellung und der renommierten Liste von Unterstützern manifestiert sich, was die letzten 15 Jahre diesen Ort bestimmte: Ignoranz. Wieviele Bilder wurden für diesen Ort produziert!? Und wie oft die Kultur zur Legitimation der politischen Handlungsunfähigkeit angerufen!? Auf ein Neues: Die Verschönerung des Debakels. Moderne Kunst als Instrument.

Und wie war das mit der Agora, die im Humboldt-Forum entstehen soll und die als so unverzichtbar gehandelt wurde? Wie war das mit dem Anspruch, dass von diesem Ort aus Themen und Debatten in die Gesellschaft getragen werden sollen? Wie war das mit dem „Dialog der Kulturen“ und der Förderung eines zivilbürgerschaftlichen Engagements? Wird dieser Anspruch denn mit dem Humboldt-Forum vertagt? Oder sind nicht gerade Sie (ungewollt) die Garantie dafür, dass genau diese Debatten nie geführt werden? Wir rufen Sie auf: Stellen Sie sich dem Ort und damit der Debatte!

Es geht um Mitbestimmung und Dialog, um Geschichte und auch um Geld. Vielleicht ist eine Eliteschule die einzige Garantie für den Erhalt eines Gebäudes von Denkmalwert, und vielleicht sind Eliten nicht nur in der Wirtschaft zu suchen, ganz sicher aber liegt die Zukunft in der Bewegung der Kontroverse, in der Freiheit der Meinung der Anderen. Geben auch Sie dem Ort eine wirkliche Chance und öffnen ihn für eine wirkliche Debatte. Auch hier wird über Zukunft entschieden.

Berlin wählt die Wahrheit für die Zukunft in der Mitte der Stadt.

Karin Baumert

Staatsratsgebäude am Schlossplatz

Eine Reaktion zu “Und ewig grüßt das Murmeltier”

  1. Holger Hallstein-Wietorek

    Mit der wahrheit stehen die Stadtentwicklungssenatorin und herr Wowereit auf Kriegsfuß! Wer sich mit der Baumafia, wie man sie ja wohl nennen muss, einlässt, und dann noch den kreativen „Investoren“ Tür und Tor öffnet, von dem ist keine Wahrheit zu erwarten.

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