1. Vernetzungstreffen Abriss-Berlin

Osthexe, 3. Mai 2006

Am 23.04.06 trafen sich lokale Initiativen im Platzhäuschen auf dem Teutoburger Platz, um sich zu vernetzen. AktivistInnen des Bündnis für den Palast hatten dazu eingeladen.
Gekommen waren Vertreter aus dem Orwo-Haus, dem Bethanien, dem RAW, dem Royal Palast und der Ziesel-Bau-Initiative, auch die Stadtzeitung Scheinschlag war vertreten.
Das Orwo-Haus in Marzahn steht für ein gelungenes Projekt. Aus einer Notsituation heraus – die Bauaufsicht wollte wegen Mängeln das Gebäude schließen – haben sich die Musiker zusammengefunden und ihr Ziel definiert: Musik braucht Raum! Kaum ein Musiker hätte sonst gewusst, wohin, und so gab es eigentlich gar keine andere Möglichkeit als zu kämpfen.
Die Musiker-Gattung ist der sozial schwächste Künstlerbereich. 400 Musiker haben sich im Orwo-Haus zusammengefunden, um Kinder- und Jugendmusik als „Bürgerwillen“ zu formulieren und dafür zu kämpfen.

Die Musiker haben einen Verein gegründet, ein Sanierungs- und Baugutachten beauftragt und sind mit dem Liegenschaftsfond erfolgreich in Verhandlungen gegangen. Nun gehört das Haus einem gemeinnützigen Verein, die Hausverwaltung wurde ausgelagert und Geschäftsführung, Presse und Vereinsarbeit erfolgen ehrenamtlich. Gratulation zu diesem Projekt, und wir freuen uns, dass sich das Orwo-Haus an der Vernetzung beteiligt und seine Erfahrungen damit weitergibt.

Das Bethanien in Kreuzberg, bekannt aus der ersten Besetzerzeit heutiger Alt-68er, wurde in den Teilen des leeren Sozialamtes von der geräumten Yorckstr. 59 besetzt und hat es geschafft, die BVV (Bezirksverordnetenversammlung) Friedrichshain–Kreuzberg zum Stop der Privatisierung des Hauses zu bewegen. Allerdings darf das nicht zu weiteren finanziellen Belastungen des Bezirkshaushaltes führen. Von Ideenwerkstätten über die Initiative Zukunft Bethanien bis hin zu den Verhandlungen mit dem Bezirk und zahlreichen anderen Partnern laufen die Verhandlungen auf Hochtouren und stehen bis zum 6. Juni unter starkem Zeitdruck.

Der Royal Palast wird abgerissen, der Denkmalschutz wurde aufgehoben, das Denkmalamt zieht sich zurück; auch der Zoo Palast wird fallen. Es ist schwer, alte Gebäude zu verteidigen, wenn selbst die Kinobetreiber daran kein Interesse mehr haben. Ähnlich wie bei Supermärkten ist auch im Kinobetrieb eine veränderte Betreiberstruktur flächengreifend und lässt kleine Kinos sterben. Einmalige historische Orte verschwinden, Großstrukturen des Konsums mit Kinobetrieb treten an ihre Stelle. Frühzeitige Informationen über Abrisspläne und unkonventionelle und einfache Protestformen, z. B. für die Kassiererin an der Kinokasse und die Kinobesucher, sind notwendig.

Die „Kabelwerker“ von der Hochschule in der ehemaligen Kabelfabrik kämpfen um den Ziesel-Bau, auch hier hat sich der Denkmalschutz aus der Verantwortung gezogen und wurde aus angeblich wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Die Initiative, die weitestgehend von Studenten ausgeht, steht im Widerspruch zu zahlreichen staatlichen Akteuren. Hier sind schnelle Interventionen und wahrscheinlich auch Gegengutachten gefragt.

Im Laufe des Brunch kam noch Frauke hinzu, die am Beispiel interkultureller Gärten die Bedeutung städtischer Brachen und den unkonventionellen Umgang durch Bewohner und ihre Initiativen aufzeigte. Mit der Geschichte des RAW, einem Bahngelände, das von der Vivico vermarktet und in Kooperation mit dem Bezirk eher intransparent verwurschtelt wird, taten sich gleich mehrere stadtpolitische Themen auf. Das aktuelle Projekt `Kunststoffe`, eine Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien, liefert darüber hinaus ein Beispiel für den nachhaltigen und sparsamen Umgang mit Ressourcen.

Nachdem alle ihre Projekte vorgestellt hatten, wurden gemeinsame Ansprüche an ein Netzwerk diskutiert: Information, Kommunikation, Aktion.

· Frühzeitige Information über Abrisspläne schafft emotionale Betroffenheit und damit Einflussnahme auf Entscheidungen.
· Ein Pool von Namen und Institutionen, die an Entscheidungen beteiligt sind, um konkrete Entscheidungen zu personalisieren.
· Bastelanleitungen für kreative Protestformen.
· Who is Who im alternativen Bereich, wer gibt Initiativen kostenlose Beratung, wer hat welche Kompetenzen.
· Beispiele aus Projekten, hinsichtlich der Kosten, der Bewirtschaftung.
· Forum, um Widersprüche transparent zu machen und Gegenstrategien zu entwickeln.

Das Ärgernis ist, von der kleinen Grünfläche bis zum Palast der Republik, die Tabuisierung von Entscheidungen, 90% dieser Entscheidungen sind rein ökonomisch bedingt und der Rest ist symbolischer Natur. Die Bürger werden täglich von Wirtschaft und Politik entmündigt. Warte nicht, bis du gefragt wirst: Lasst uns Brachen nutzen, Abriss verhindern und aktiv werden, die Stadt gehört ihren Bewohnern!

In dieser Stimmung haben wir die nächsten Schritte geplant.

· Ein kleines Formblatt, damit Initiativen ihre „Birne“ auf der Abrisskarte der Homepage darstellen und ihren Link setzen.
· Eine gemeinsame Veranstaltung mit weiteren Initiativen, die dann öffentlich sein soll und über ein Open Space Informationen und weitere Vernetzungen ermöglicht.
· Eine lange Nacht des Abrisses für Anfang September, um an all die Orte zu fahren und sie zu besichtigen, sich Inspirationen zu holen.
· Öffentlichkeitsarbeit für die Homepage www.abriss-berlin.de, die als offener, kommunikativer Raum eingerichtet wurde.

Am 23. April vor 30 Jahren war die erste offizielle Eröffnung des Palastes der Republik. Er wird gerade abgerissen. Es wäre preiswerter gewesen, ihn zu sanieren und zu nutzen, es wäre geschichtlich angemessen gewesen, ihn als Teil deutscher Geschichte zu ehren und weiter zu entwickeln, es war kulturpolitisch relevant, ihn zwischenzunutzen. Ein Bündnis gegen den Abriss hatte kurzzeitig eine Öffentlichkeit für die finanziellen und geschichtlichen Aspekte des Palastes mobilisiert. Die Mehrheit der Berliner war nicht dafür, Geschichte abzureißen, um etwas noch Älteres wieder aufzubauen.

Die Erfahrung des Bündnisses gegen den Abriss des Palastes richtet sich jetzt auf all die Orte, die vom Abriss bedroht sind, auf die Orte, die aus finanziellen Gründen der Verwertung und zukünftiger Rendite brach liegen, und auf die Kreativität und die Alltagsweisheit der Berliner, sich ihre Stadt zu nehmen. Und vielleicht kehren wir gemeinsam an den Ort zurück, der als symbolische Berliner Mitte gilt und schaffen eine Alternative zum kommerziellen Neubau, der als Schloss verkauft wird. Bis dahin aber haben wir alle Spaß und Freude an dieser Stadt, denn es ist nicht das Geld, sondern der Nachbar, der Gast, der Fremde, der für Aufregung und Spannung sorgt. Wir schaffen gemeinsam den Raum dazu und lernen uns dabei kennen.

Ja, Berlin ist sexy, aber anders, als der Bürgermeister das ahnt…

Karin Baumert

Eine Reaktion zu “1. Vernetzungstreffen Abriss-Berlin”

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    Tja, das Leben kann so scheisse sein, mann muss sich nur mühe geben.

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